langsam werd ich groß,
so ganz ohne dich;
was ich alles so beschloss
die letzten jahre und mein gesicht
kriegt langsam falten – damals
haben wir noch gelacht über die alten, aber
so ändern sich die zeiten; so
sammelt man freiheiten,
verliert dafür freizeiten und
vergisst, auf die kleinigkeiten
zu schauen;
vergisst, an der basis des lebens zu bauen
anstatt nur an der krone. das leben
ist sicher nicht ohne, aber –
das ahnten wir damals schon.
waren tränen und wunden gewohnt und
haben trotzdem gelebt – oder
vielleicht gerade deshalb – intensiv wie nie zuvor.
liebe, drogen, sex und spiele; du
warst ein abenteuer, warst mein tor
zur freiheit. hast mich
befreit – von der
leichtigkeit des seins.
hast gekämpft – um uns, gegen mich; hast
nur selten geweint und
mich bezaubert, mich berührt; hast
mein wesen verwandelt, mich bewegt, verdreht, verführt; und
deshalb danke: für alles das, was war.
danke für das lachen, das leiden – die zeit
war wunderbar, wenn auch keine leichte kost. aber
das schicksal wird nun mal verlost und
du warst meines. schicksal sei dank.
nahmst mich an die hand für
dieses kleine stückchen weg.
jetzt bist du weg und
langsam werd ich groß;
so ganz ohne dich; aber
so ganz ohne dich
ist es ja nicht
und
wird es nie sein.
ich hab dich noch genau so lieb wie damals, großer!
mach’s gut,
hau rein!
Autor: christina.knows
und dann?
sie deckten ihn zu. nahezu unwürdig diese plastikabdeckung. aber am ende sind wir alle gleich. ganz egal, wer wir waren. hätte hoffnung bestanden, hätte man ihn in einen rettungswagen geladen. anstelle des rettungswagens stand nur ein schwarzes, überdimensioniertes gefährt mit verdeckten fenstern vor dem haus. sie luden ihn ein. deckel zu. weg. für alle beteiligten war der fall klar abgeschlossen; für den nachlass hatte das große leiden erst begonnen. der knarrende holzboden war endgültig verstummt. die letzten staubpartikel sanken zu boden und bedeckten die trostlosigkeit des wertlosen besitzes. ein hut, ein rotes notizbuch, stofftaschentücher, ein frühstücksmesser. und der lehnstuhl. solche dinge sind doch nichts wert. niemand würde sie kaufen. sie waren nutzlos. weil sie nun bedeutungslos und nutzlos waren, waren sie wertlos. der hut würde bis zur zwangsräumung noch eine gnadenfrist bekommen und dann den garderobenhaken, der ihm 64 jahre lang halt gegeben hatte, für immer verlassen. niemand wusste, wohin er dann gehen würde. das rote notizbuch lag, feinsäuberlich verschlossen, exakt zwei zentimeter vom schreibwerkzeug entfernt auf dem tisch. es lag so da, wie er es immer hingelegt hatte. es lag da, als würde er es heute wieder zur hand nehmen und mit seinen worten erfüllen. der rote umschlag glänzte im sonnenlicht. draußen schien die sonne, als wäre es ein tag wie jeder andere. aber in seinen gemächern war nichts mehr, wie es gewesen war. wolken von tristheit lagen in der luft. der besitz war nun kein solcher mehr, da ihn niemand besitzen wollte und der, der sie alle – jedes einzelne ding – so geschätzt hatte, nun fort war. der hut trug noch seinen geruch in sich. vom markenzeichen zur puren nutzlosigkeit – ein irreversibler weg. der lehnstuhl hatte sie beide immer verbunden. nachdem seine frau gestorben war, setzte er sich jeden tag stundenlang an die stelle, an der sie immer gesessen und gestrickt hatte. dieser stuhl hatte die fähigkeit, die nähe wiederherzustellen. nun war niemand mehr da, der ihre nähe suchte. niemand würde sie vermissen – sie beide. niemand würde sich erinnern. niemand würde die geschichte hinter dem stuhl je erfahren. niemand würde seinen wahren wert und seine wahre schönheit je wieder erkennen. der stuhl war wertlos. wert- und nutzlos. das frühstücksmesser trug noch seine fingerabdrücke. mit stolz. als wären es juwelen. unwiederbringliche juwelen. er war gegangen. erst jetzt wurde all den besitzstücken klar, dass er derjenige gewesen war, der dieser anordnung – die erst durch ihn zu einer ansammlung, dann zu einer anordnung wurde – raum und sinn verliehen hatte. niemand anderer würde sie brauchen. andere hatten ihr leben bereits mit anderen dingen ausgefüllt. bis zum rand. vollgestopft. das frühstücksmesser lag da, als würde es auf den kommenden morgen warten. auf ihn. aber es war hoffnungslos. das brummen des kühlschrankes war lange verstummt. genau wie sein herzschlag.
heute trag ich bunt.
heute trag ich bunt.
weil ich an dich denke.
weil es dieser tag war, der uns getrennt hat.
und doch noch näher zusammengebracht.
heute trag ich bunt.
gegen jede traurigkeit.
als zeichen.
für das leben – das du in mir weiterlebst.
ich weiß noch, als mich am nächsten tag
dein vater anrief. und nur einen atemzug später
sehe ich uns beide in deiner stammbar
nebeneinander sitzen.
heute trag ich bunt. weil du mich immer
dafür geliebt hast, dass ich dein
gegenstück war.
meine schwarzen haare
hattest du nie gemocht.
zu nah kamen sie
dem schatten deiner selbst.
nun sind sie wieder blond.
und meine kleider bunt.
alles ist wie damals.
und dennoch ist nichts mehr
wie es war.
oft bin ich dankbar –
für beides.
immer jedoch
dankbar,
dir
begegnet zu sein.